VorSicht Satire

Pokémon

Seit einiger Zeit macht eine seltsame Volksseuche von sich reden: Es handelt sich dabei um eine Krankheit, die gemeinhin als Pokémon-Fieber bezeichnet wird, hauptsächlich Kinder befällt und sich neben exzessivem Videospielkonsum in einer Tauschleidenschaft für Sammelkarten äußert.
Als Vater von minderjährigen Hausgenossen habe ich bisher an dieser Form der Erregung nur in Form von umfangreichen monetären Investitionen in diverse Pokémonprodukte für meine Kinder teilgenommen, die den zuständigen Sachbearbeiter bei der Bank zu einigem Stirnrunzeln veranlasst haben dürften. Ansonsten ging die Welle an mir vorbei.
Bis letzten Dienstag ...

Im Falle von Lücken in der häuslichen Speisekammer pflege ich dem benachbarten Supermarkt einen abendlichen Besuch abzustatten. So auch diesmal, wo ich nach Auswahl diverser qualitativ hochwertiger Grundnahrungsmittel meinen Wagen zur Kasse schob, um eingereiht in der Schlange meinen finanziellen Obolus abzuleisten. Meine Waren wurden über das Laufband geschoben, die Verkäuferin wandte sich mir zu.
„Glumanda?“
„Äh, nein. Nur die Chips, die Knabbereien sowie die Cola sind mir!“
„Nein, nein. Pikatchu?“
Ich blickte mich kurz um. „Hören Sie, ich bin verheiratet!“
Die Frau sah mich mit großen Augen an.
„Rizeros oder Relaxo?“
„Also passen Sie mal auf: Wie ich aussehe, ist meine Sache. Und wenn hier einer entspannt langsam arbeitet, dann doch wohl eher Sie. Ich bin hier der Kunde!“
„Snobilikat?“
Bevor das Gespräch ins Persönliche abgleiten konnte, trat beflissentlich der Geschäftsführer hinzu und zog mich mit einigen Entschuldigungen beiseite.
„Sie dürfen das nicht persönlich nehmen. Frau Bisaflor wollte Ihnen nur Rabattmarken anbieten!“
„Rabattmarken?“
„Ja. Pokémonrabattmarken. Ganz neu bei uns!“
„Aha?“
„Nun, Sie haben ja mitbekommen, dass Pokémons der ganz große Renner sind. Die Jugend ist verrückt danach. Und da wir Supermärkte im harten Konkurrenzkampf stehen, hat unsere Konzernzentrale beschlossen, auf den Pokémonzug aufzuspringen!“
„Ach ...“
„Ja! Sie wissen doch: Pokémons, die kleinen, aus dem Ei schlüpfenden Fantasy-Tiere. Auf dem Gameboy können Sie bis zu 150 von diesen niedlichen, knuddeligen Monstern finden, züchten und trainieren. Die Kinder kennen sie alle. Und deswegen geben wir statt Rabattmarken jetzt Pokémon-Sammelkarten aus. Möchten Sie einen Zudan oder zwei Samban?“
„Ich möchte meine Chips.“
„Natürlich. Wissen Sie, dieses Pokémon-Fieber hat auch bei uns die Arbeit gänzlich verändert. Zur Mitarbeitermotivation hat man beschlossen, die internen Hierarchien mit den Namen von Pokémons zu bezeichnen. Beförderungen werden dann als Weiterentwicklungen von Pokémonmonstern bezeichnet ...“
Ich blickte etwas ratlos.
„Das haben Sie doch sicherlich schon gehört: Die Pokémons kann man im Spiel trainieren. Und dann entwickeln sie sich weiter. Aus Bisasam wird Bisaflor. Nehmen wir als Beispiel den Bereich der niederen Arbeiten. Herr Humpel trägt als Lagerarbeitsanfänger die Bezeichnung Nidoran. Nach harter Arbeit kann er zu einem Nidorino weiterbefördert werden. Im Falle der Gesamtverantwortlichkeit für den Lagerbereich wird er zum Nidoking gemacht. Das ist unheimlich motivierend. Nicht wahr, Frau Pummeluff?“
Die so bezeichnete, etwas übergewichtige Mitarbeiterin, starrte ihn nur wortlos an.
„Ich habe aber das Gefühl, diese Bezeichnungen kommen nicht bei allen gut an.“
„Nun“, räumte der Geschäftsführer ein, „noch nicht jeder hat die psychologischen Motivationsvorteile verinnerlicht. Sie soll übrigens im nächsten Monat zum Knuddeluff weiterbefördert werden!“
Während er mir an einer Kasse persönlich meine Einkäufe eintippte, hatte ich Zeit, die Umgebung zu beobachten. An Kasse zwei kam es zu lautstarken Unstimmigkeiten zwischen der Kassiererin und einigen jugendlichen Einkäufern. Der Geschäftsführer erhob sich hinter der Kasse.
„Ruhe da hinten! Wir haben keine Lektroball-Marken mehr. Nur noch Schlurp, Magneton und Abra. Wenn’s keine Ruhe gibt, hole ich Dragomir!“
Sofort beruhigten sich die Einkäufer.
„Die Kinder sind ganz verrückt. Leider gibt es die einzelnen Sammelmarken nur in begrenzter Auflage.“
„Beeindruckend, wie das gewirkt hat. Dragomir ist ein Pokémon?“
„Nein. Dragomir ist unser kroatischer Lagerarbeiter.“
Ich beglich meine Rechnung und packte die Sachen zusammen.
„Sie haben sicherlich bemerkt, dass die Mitarbeiter aus Marketing-Gründen auch eine dem jugendlichen Geschmack angepasste Arbeitskleidung bekommen haben?“
„Wäre mir nicht aufgefallen.“ Während der Geschäftsführer wie ein kleiner Saurier gekleidet war, hatten die Verkäuferinnen farblich seltsame Anzüge an, die stellenweise mit kleinen Plastikflügeln, Hörner oder Schnäbeln versehen waren. Ich hatte es für eine momentan gängige Modeerscheinung gehalten.
„Wir versuchen damit, durch Beeinflussung der lieben Kleinen die Eltern zu höheren Einkäufen zu bewegen. Put Put, komm mal her, mein Kleiner!“ Das Kind rannte kreischend davon.
„Nun, daran werden die Kinder sich noch gewöhnen. Aber das Beste ist, dass wir versuchen, auch die Fähigkeiten der Pokémons zu berücksichtigen. Zum Beispiel kann Pummeluff wunderbar singen. Sein Gesang lässt alle in tiefen Schlaf fallen. Frau Krüger, singen Sie doch bitte einmal!“
„Puuumeeelu-u-uff, Puuu-m-m-elu-u-fff ...“
„Mir wird schlecht ...“
„Da hilft Smogmog. Er hat ein betäubendes Gas ... Wo rennen Sie denn hin? Halt, Sie haben Ihre Chips vergessen!“
Wie ich gehört habe, kommt eine neue Edition mit 200 neuen Pokémons auf den Markt.
Wir wandern aus.

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